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Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrates

Bericht zur Lage - Diözesanratsvorsitzender Dr. Michael Wolf

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“ so beginnt das 24. und abschließende Gedicht aus Heinrich Heines „Nachtgedanken“. Es wird sicherlich einigen von Ihnen genauso gehen, wenn ich diesen Text leicht abändere: „Denk ich an die Kirche in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“.

Lassen Sie mich in diesem „Bericht zur Lage“ einige aus meiner Sicht wichtigen Punkte aufgreifen. Zunächst möchte ich einige Gedanken zum Zustand der Kirche in unserem Bistum erörtern und davon ausgehend den Blick über unsere Bistumsgrenzen richten. In ähnlicher Art und Weise werden sich diese Gedanken auch auf andere Länder der nördlichen Hemisphäre – was wir gerne als „erste Welt“ bezeichnen – abbilden lassen und nicht nur relevant für uns sein.

Wir befinden uns mitten im Umstrukturierungsprozess unserer Diözese. Schwindende Kirchenbesucherzahlen, fehlendes Personal und aus dem Ruder gelaufene Kosten sind uns in der Zwischenzeit aus unseren internen Diskussionen aber auch aus der Presse geläufig. Hinzu kommen nicht-diözesane Probleme, die aber mit Macht auf unser Bistum ausstrahlen, diese sind zum einen kirchliche, wie die Aufarbeitung des Missbrauchs, zum anderen weltliche – hier ist sicherlich zuallererst die Corona-Pandemie zu nennen.

Der Umstrukturierungsprozess läuft – und mutiert. In der Projektstruktur vorgesehene Verfahren werden verändert und dass nun der Allgemeine Geistliche Rat sich zwischen den Lenkungskreis und den Bischof schiebt, wird eher nebenbei kommuniziert. In der ursprünglichen Planung war der AGR, wie der Diözesanrat, ein Gremium das dem Bischof als Beratung und Resonanzraum dienen sollte. Nun ist er zu einem wesentlichen Filter geworden.

Eine ähnliche Situation sehen wir aktuell, wenn wir den Blick auf das Agieren der Diözese im Rahmen der Haushaltsprobleme richten. Wir wissen nun schon seit einigen Jahren, dass sich die finanzielle Situation der Diözese in einer Schieflage befindet. Wir geben mehr aus als wir einnehmen, verbrennen also unsere Rücklagen. Sicherlich, dieser Griff in die Kasse ist ein legitimes Verfahren, um kritische Zeiten überstehen zu können. Aber: Es wird prognostiziert, dass sich die Situation in absehbarer Zeit wohl nicht zum Besseren ändern wird, sich potentiell sogar verschlechtert. Es stellt sich damit die Frage: Wohin und auf welchem Kurs sind wir?

Es wurde bereits in der Vergangenheit eine Haushaltssperre und ein Baumoratorium verhängt. Beides sind valide Maßnahmen, um kurzfristig Ausgaben zu reduzieren. Allerdings sind die Maßnahmen nach der „Rasenmäher-Methode“ bei der zu erwartenden Einnahmesituation zwar notwendig, aber keinesfalls hinreichend.

Mir sind die Überlegungen bewusst, wie wir als Diözese verschiedene Lasten, insbesondere Baulasten, abwerfen wollen. Ein ausgeglichener Haushalt muss aber nicht nur Kosten, sondern auch Einnahmen berücksichtigen. Mir sind keine Ideen bekannt – oder zumindest diskutieren wir sie nicht in der gleichen Lautstärke wie die Kostenreduktion – wie wir unsere Einnahmen erhöhen, ohne den sozial schwächeren die Kosten der Sanierung der Finanzen aufzubürden. 

Aber es bleibt die Frage: Wofür reichen unsere Mittel noch? Mit anderen Worten: Wohin streben wir als Diözese? Diese Frage müssen wir unbedingt beantworten. Wofür stehen wir in Zukunft, wenn wir uns nicht mehr alles leisten können und vielleicht auch uns nicht alles leisten wollen. Wir haben beschränkte Mittel und, mir ist das bewusst, als katholische Kirche einen umfassenden Anspruch an uns selbst. 

Aus meiner Sicht muss in allernächster Zukunft eine klare Beschreibung der diözesanen Ziele erfolgen und diözesanweit abgestimmt werden. Seit Sommer letzten Jahres liegt eine ähnliche Beschreibung für das Bischöfliche Ordinariat vor, über dessen Vollständigkeit man trefflich streiten kann. Es fehlt beispielsweise eine „Definition of Done“, also eine Beschreibung, wann ein Ziel erreicht ist. Bei vielen Punkten handelt es sich um operative, nicht um strategische Ziele. Und genau um die Definition der strategischen Ziele und die Maßnahmen, um diese Ziele zu erreichen, werden wir als Diözese nicht herumkommen. 

Einen solchen Plan zu erstellen ist nicht leicht, insbesondere weil er mit den verschiedenen Playern abgestimmt sein muss. Hier ist der Diözesanrat als Vertreter der Katholikinnen und Katholiken der Diözese der richtige Ansprech- und Diskussionspartner der Diözesanleitung. Wir werden uns einer Aufforderung zur Mitarbeit nicht entziehen und bieten hier konstruktive Zusammenarbeit an. 
Dass ein solcher erster Strategieplan schon im ersten Ansatz „richtig“ ist, ist meiner Erfahrung nach eher unwahrscheinlich. Und sicherlich gilt die Weisheit auch hier, dass kein Plan den ersten Kontakt mit der Realität übersteht. Aber es ist aus meiner Sicht wichtig, sich gesamtheitlich mit der Planung zu befassen. 

Die Alternative ist, Maßnahmen kurzfristig zu treffen, sie nicht in einen größeren Zusammenhang zu stellen und damit den Anschein der Willkür Tür und Tor zu öffnen. Dies führt dann natürlich zu Diskussionen und großer Unruhe in der Diözese. Und das immer wieder aufs Neue. Als abschreckendes Beispiel kann hier der im Dezember veröffentlichte Beschluss zur Schließung bzw. zum Verkauf der Häuser in Schmerlenbach, Retzbach, Bad Königshofen und des Schullandheims Thüringer Hütte dienen.

Diese Desinvestition stellt zunächst einmal ein Paradigmenwechsel der Diözese dar. Haben wir doch vor nicht allzu langer Zeit mit diesen Häusern Reklame gemacht. Wer in die Besprechungsräume im Burkhardushaus geht, wird wahrscheinlich auch heute noch entsprechende Imagewerbung auf den Flipcharts finden.

Klar ist auch, dass diese Maßnahmen ohne vorherige Kommunikation zu emotionalen Reaktionen der Betroffenen geführt haben und wohl auch noch weiter führen werden. Diese Reaktionen geben im Allgemeinen einem Gefühl der Machtlosigkeit und gewiss auch der Frustration Ausdruck. Hier muss die Diözesanleitung mit dem entsprechenden Echo aus kirchlichen aber auch gesellschaftlichen Kreisen leben. Wichtig ist mir dabei festzustellen, dass nicht jeder der sich kritisch zu einer Maßnahme äußert, gleich zur Revolution aufruft, vielleicht aber notwendige Änderungen anmahnt. 

Ähnliches gilt auch für den Initiativantrag auf der letzten außerordentlichen Vollversammlung. Hier zeigt sich aus meiner Sicht zum einen eine echte Sorge um die Situation der Kirche und zum anderen, dass die Maßnahmen eben nicht einer klar definierten, offen diskutierten und kommunizierten Strategie folgen.

Und hier sind wir wieder beim Thema Kommunikation. Es scheint in der Katholischen Kirche kaum ein schwierigeres Problem als gute, transparente Kommunikation zu geben. Zum Beispiel ist die Vertretung des Diözesanrates in der Ökumenekommission nicht mehr vorgesehen. Auch das erfahren wir nicht über offizielle Kanäle, sondern nur durch ein Telefonat mit der bisherigen Vertreterin dort. Auch hier gilt es die Fragen zu beantworten: Welches Ziel wird angestrebt und was sind die organisatorischen Entscheidungen, die eine Zielerreichung ermöglichen und befördern sollen. Vielleicht ist es sogar angebracht, die Basis hier nicht zu berücksichtigen, weil sie eben theologisch nicht so tiefes Wissen hat und nur gesunden Menschenverstand mitbringen kann. In jedem Fall ist aber eine nachvollziehbare Begründung notwendig.

Aber, ich muss zugeben, unsere Diözese ist mit allen Problemen nicht mit den Vorgängen in Köln zu vergleichen. Dort hat sich die katholische Kirche in eine Situation manövriert, die ihresgleichen sucht.

Ich kann und will an dieser Stelle nicht entscheiden, ob Kardinal Woelki mit seiner Aussage, dass das WSW Gutachten „methodische Mängel“ aufweist, recht hat. Kann sein – oder auch nicht. Sie wissen ja alle: 3 Juristen, 4 Meinungen. 
Wenn die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl anbietet, das Gutachten auf ihr Risiko hin zu veröffentlichen, dann kann das heißen: Entweder Schadensbegrenzung unter hohem eigenem Risiko oder aber der Auftraggeber ist, aus welchen Gründen auch immer, nicht zufrieden. Er muss sich dann aber fragen lassen, ob sein Auftrag hinreichend genau spezifiziert nach welchen Methoden zu arbeiten ist und ob zumindest punktuell, Zwischenergebnisse im Sinne einer Qualitätssicherung abgefragt und diskutiert wurden. Das ist für die Wirtschaft ein Standard Vorgehen und sollte auch für die Kirche ein anwendbarer Standard werden. 
Als Reaktion auf dieses Kommunikationsverhalten haben etwa 50 Priester öffentlich kritisch nachgefragt und ihrem Missfallen mit der Aufarbeitung des Missbrauchs sowie dem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche Ausdruck gegeben. In einer so geschlossenen und sich oftmals nach außen abgrenzenden Gruppe ein ungewohntes Vorgehen und somit ein Zeichen für die aktuellen Zustände. 

Dass dann der Kölner Diözesanrat die Zusammenarbeit in der Umstrukturierung der Diözese aufgrund des unklaren Vorgehens von Kardinal Woelki fast einstimmig aufkündigt – mit einer einzigen Gegenstimme – stellt die Dramatik des Vorgangs klar vor Augen: Das Volk wendet sich von seinem Oberhirten ab. Wie die Zeitungen berichten, gibt es nicht genügend Termine, um den Austritt aus der katholischen Kirche zu vollziehen. Das Erzbistum Köln verzeichnete mehr als 1000 Austritte pro Monat!
Und was passiert: Nichts. Zwei Entschuldigungen, die nicht wirklich nach Entschuldigung klingen, sondern vielleicht eher nach Schadensbegrenzung.

Was sich für mich in den Aussagen des Kölner Erzbischofs aber zeigt, ist ein Umgang mit Macht, der in unserer heutigen Zeit nicht mehr angebracht ist. Hier tritt meiner Ansicht nach eines der wirklichen Probleme der katholischen Kirche mit den Menschen unserer Zeit ganz klar zu Tage. Es trifft die monarchische Kirchenstruktur auf das Selbstverständnis der nicht-Geweihten von heute. In der Kirche liegen Legislative, Exekutive und Judikative in einer Hand, in der des zuständigen Bischofs. Gewaltenteilung und hinreichende Überwachung sind damit nicht wirklich möglich.

Hier mögen amtlicherseits noch so viele theologische Begründungen aufgefahren werden, warum die Macht gebündelt und in Händen der Geweihten liegen muss – ich bin der Meinung, dass wir hier im Wesentlichen ein historisch gewachsenes Machtgefüge vor uns haben. Wieso sich aus der Weihe zum Priester oder Bischof ein solcher weitgehend unbeschränkter und unkontrollierter Leitungsanspruch ergibt, erschließt sich mir nicht wirklich. 
Priester und Bischöfe haben heute keinen Bildungsvorteil mehr. Das Theologie-Studium ist nicht mehr das allgemeine „wissenschaftliche Studium“, sondern bezieht sich auf ein philosophisches Gedankengebäude. Mit Nichten befähigt das Studium der Theologie – und wenn das mir über die Ausbildung am Priesterseminar berichtete Curriculum stimmt auch diese Ausbildung dort nicht – zur Leitung. Es tut mir leid, ich sehe da in vielen Fällen eine Ermächtigung dort, wo sie nicht angebracht ist. Und das damit verbundene Lehenswesen für Pfarreien verhindert ein effektives und zielgerichtetes Personalmanagement.

Die katholische Kirche wie wir sie kennen ist die Kirche des zweiten, aber auch in starkem Maße des ersten Vatikanischen Konzils. Ein Erschrecken vor den Entwicklungen in der zivilen Gesellschaft, das Wegbrechen der monarchistischen Leitungsstrukturen in der westlichen Gesellschaft und der Verlust des Kirchenstaats als weltlichen Herrschaftsraum der katholischen Kirche lässt sich auch heute noch, nach so langer Zeit, für mich klar ablesen. Der allgemeine Leitungs- und Loyalitätsanspruch der katholischen Kirche äußert sich hier, der mit unseren Vorstellungen heute kollidiert.

Dies wird durch Bischof Voderholzer in seinem Brief an Bischof Bätzing im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg noch bestärkt. „Katholisch.de“ berichtet mit folgenden Worten darüber: „Inhaltlich bemängelt Voderholzer unter anderem eine in dem Text formulierte ‚gleichberechtigte Teilhabe‘ der Laien mit ‚verbrieften Rechten‘ auf allen Gebieten des kirchlichen Lebens einschließlich der Lehre und der Leitung. Offenbar seien inzwischen breite Kreise in der Kirche der Auffassung, dass Skandale und Erosionsprozesse durch das Fehlen demokratischer Strukturen bedingt seien.“
Und weiter: „Nach geltendem Kirchenrecht sind die Bischöfe und der Papst verantwortlich für das kirchliche Lehramt. Die Mitwirkungsmöglichkeit der Laien, auch der Theologen, ist begrenzt.“ Zitat Ende. Er möchte keine „falsche Hoffnung“ erwecken.

Nun muss man sich aber vor Augen halten, dass das Kirchenrecht änderbar ist. Über die Jahrhunderte hat sich die Struktur der Kirche an die weltlichen Gegebenheiten angepasst. Schauen wir doch in die neutestamentlichen Briefe, schon dort werden unterschiedliche Gemeindeverfassungen mit mehr oder weniger demokratischer Struktur beschrieben. Die monarchische Struktur mit dem Bischof als Alleinverantwortlichen an der Spitze hat sich erst mit der Übernahme des Christentums als anerkannte Religion im Römischen Reich durchgesetzt – Anpassung an die Umwelt und Überleben des Stärkeren zeigt sich hier sehr deutlich. 

Und ich halte es gerne mit Winston Churchill: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind“. Hier möchte ich ergänzen, dass sich heute alle echten Demokratien einer Gewaltenteilung bedienen, die es ermöglicht, Entscheidungen zu hinterfragen und auf Rechtmäßigkeit zu überprüfen.

Und gerade heute muss sich die gesamte Kirche fragen, wohin wir wollen und welchen Weg wir zu diesem Ziel einschlagen. Seien wir ehrlich: In der westlichen Welt hat uns die Zivilgesellschaft den Rang abgelaufen, wenn es um die Versorgung der Menschen geht. War die katholische Kirche in der Vergangenheit neben den Glaubenswahrheiten auch der Träger vieler sozialer Errungenschaften, so ist das in den letzten Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Vergessen wir nicht: Wir leisten noch immer wesentliche und wichtige Arbeit an den Mitmenschen und das als gesamte Kirche und nicht nur als institutionelle Caritas – aber wir sind nicht mehr alleine. Wenn wir die Trägerschaft eines Kindergartens aufgeben müssen, wird diese Aufgabe im Allgemeinen nahtlos von den Gemeinden übernommen. Sicherlich unter Klagen, aber dennoch wird es gemacht. Für die Familien ergibt sich keine große Änderung. Für uns als Kirche sind diese Änderungen aber dramatisch: Wir verlieren den Einfluss auf die Kinder, die auch die Zukunft der Kirche darstellen.

Bleibt dann noch für die Kirche der moralische Wegweiser für die Welt und die Verkündiger der Frohen Botschaft zu sein. Als moralischer Wegweiser haben wir als Kirche ausgedient. Zum einen hat sich die Welt weiterentwickelt und es kümmert keinen mehr, was wir über Geburtenregelungen, voreheliches Zusammenleben oder Scheidungen als Lehrmeinung verkünden. Wir halten uns ja selbst nicht an diese Vorgaben und zum anderen zeigt die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchs, dass in der Vergangenheit an vielen Stellen der Korpsgeist unter dem Klerus deutlich höher gewertet wurde als der Wunsch nach Aufklärung und Schutz der Hilflosen. Wir bemängeln als Kirche die „old boys networks“ in der Zivilgesellschaft, schimpfen über die männerbündischen Auswüchse bei Polizei und Militär – und verhalten uns sehr ähnlich. Ein Wechsel ist spürbar, ein sich bemühen um eine Aufklärung, aber wir sind bei Weitem noch nicht am Ziel.

Schlussendlich bleibt also die Verkündigung und ein Handeln getreu der Frohen Botschaft in einer Art, wie sie unsere Zeitgenossen auch erreicht. Daran müssen wir uns alle, ob geweiht oder nicht, messen lassen.

Lassen Sie mich zum Abschluss den Blick über die Kirche hinaus richten. Nicht nur die Kirche tut sich beim Finden der richtigen Organisation schwer, auch der Bund und die Länder sowie die Europäische Union. Der Kampf gegen das Corona-Virus ist in vielerlei Hinsicht ein Trauerspiel, insbesondere die Impfsituation.

Wir haben in der Zwischenzeit einen Tunnelblick entwickelt, wir schauen nur auf die notwendigen Maßnahmen, um eine beschleunigte Ausbreitung des Virus zu verzögern. Das ist notwendig und richtig. Aber, wir sollten den Blick auch einmal nach rechts oder links wandern lassen.

Durch die Corona-Krise haben sich nicht nur Möglichkeiten zur persönlichen Bereicherung ergeben – wie man ja vor Kurzem in den Nachrichten lesen konnte – sondern auch der Spaltung der Bevölkerung wird Vorschub geleistet. Wir brauchen unter anderem eine Antwort, wie wir unsere Kinder, die aus berechtigten und für mich nachvollziehbaren Gründen den Unterricht nicht direkt besuchen können, so betreut werden können, dass die Wissenslücken nicht zu groß werden. Wie mir mein Sohn berichtet, hat die Nachfrage nach Nachhilfe deutlich zugenommen. Die aber können sich oft nur finanziell besser gestellte über einen längeren Zeitraum leisten. Deutschland muss sich hier bewegen – wir sind bekanntermaßen ein Land, bei dem die soziale Herkunft ganz die Zukunft unserer Kinder beeinflusst. Hier brauchen wir Antworten, die nicht einfach ein „schicken wir sie in die Schule“ sind. Um das zu ermöglichen, müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Ebenso bewegt mich die Situation der Pfleger in den Krankenhäusern und in den Heimen. Sie sind besonders gefordert und wenn man den Nachrichten glauben schenken darf, denken viele über einen Wechsel der Beschäftigung nach. Sie werden von uns allen als „systemrelevant“ anerkannt, aber an ihrer finanziellen Lage hat sich nichts geändert. Sie werden nach wie vor im Vergleich zu anderen Berufen schlecht bezahlt. Wie wollen wir denn unter diesen Umständen den Nachwuchs sicherstellen?
Und wir, als katholische Kirche vertreten durch die Caritas – aber auch unsere Schwestern und Brüder der evangelischen Kirche und der Diakonie – verhindern einen Flächentarifvertrag. Dabei heißt es, dass in den Verhandlungen besonders auf die Bedürfnisse der Kirchen geachtet worden sei. Zudem scheint dieser Entschluss ja in der Caritas selber auch sehr umstritten zu sein. Ich weiß, Geld ist nicht alles und es gibt noch viel mehr Missstände als nur die Bezahlung.
Und wenn diese Verweigerung Sinn machen sollte, dann muss sie bitte so kommuniziert werden, dass auch die Bevölkerung den Schritt versteht. Aktuell stehen wir hier in so gut wie allen Nachrichten als Verhinderer da, die Presse sagt uns nach, den „Dritten Weg“ um jeden Preis erhalten zu wollen. 
Und dies, obwohl wir als Kirche vor Ort wirklich viel geleistet haben und noch leisten. Ich denke hier unter anderem an die Bahnhofmission, die nach außen wirkt oder die Telefonseelsorge, die den Menschen in schwierigen Situationen auch anonym zur Seite steht, die Altenheime, die es unseren älteren Mitbürgern ermöglicht eigenbestimmt zu leben oder die KiTas und Kindergärten, die es ermöglichen, dass Kinder in einer sicheren und das Lernen anregenden Atmosphäre aufwachsen und dass die Eltern die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Oder auch die Helferkreise in den Gemeinden, die dafür sorgen, dass den Gefährdeten auch unter Corona-Bedingungen das Notwendige zur Verfügung steht, dass ein Ansprechpartner für ein persönliches Wort – das in dieser Zeit so wichtig wie die Luft zum Atmen sein kann – zur Verfügung steht.

Auch wenn ich mich in diesem Bericht zur Lage kritisch über die aktuellen Vorgänge äußern musste, es ist nicht alles schlecht, es geschieht viel Gutes. Lassen Sie uns nicht nur klagen, lassen Sie uns gemeinsam anpacken, um der Kirche, um uns eine Zukunft zu geben.

Bericht zur Lage - Frühjahrsvollversammlung am 19. März 2021

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