Der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Würzburg hat die diesjährige Vollversammlung vor der Kiliani-Wallfahrtswoche genutzt, um sich mit einem gesellschaftspolitisch hochaktuellen Thema auseinanderzusetzen. Unter der Überschrift „Ein Jahr für die Gesellschaft – Zwischen persönlicher Freiheit und Gemeinwohl“ haben wir eine Debatte aufgegriffen, die seit der Aussetzung der Wehrpflicht immer wieder geführt wird und durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die daraus folgende sicherheitspolitische Zeitenwende neue Aktualität erhalten hat. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Fragen der Landesverteidigung, sondern grundsätzlich um die Frage, welchen Beitrag jede und jeder Einzelne für den Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft leisten kann.
Die Beratungen in der Vollversammlung waren geprägt von einem intensiven Austausch und unterschiedlichen Perspektiven. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und der Komplexität des Themas, konnte keine abschließende Beschlussfassung erfolgen. Als Vorsitzende des Diözesanrates möchten wir die Diskussion jedoch weiter begleiten und unsere Position in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.
Wir sprechen uns für die Einführung eines für alle Geschlechter verpflichtenden Gesellschaftsjahres aus. Dieses sollte jungen Menschen die freie Wahl zwischen verschiedenen gemeinwohlorientierten Einsatzfeldern eröffnen. Dazu zählen neben einem Dienst bei der Bundeswehr insbesondere Tätigkeiten im Zivil- und Katastrophenschutz, im Rettungswesen, in der Pflege und Betreuung, in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Umwelt- und Naturschutz.
Für uns steht dabei nicht allein der konkrete Nutzen für den Sozialstaat oder die Stärkung des Bevölkerungsschutzes im Vordergrund. Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr bietet vor allem die Chance, Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und religiöser Hintergründe zusammenzubringen. Zusammenarbeit stärkt das Verständnis füreinander, fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt und trägt dazu bei, unsere Demokratie widerstandsfähiger gegen Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung zu machen.
Dr. Michael Wolf, Vorsitzender des Diözesanrates, erklärt dazu:
„Ein verpflichtender Dienst für die Gesellschaft, ob im Rahmen des Wehrdienstes oder in einem sozialen Engagement, würde Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenbringen, das Verständnis füreinander stärken und so unsere demokratische Gesellschaft nach innen und außen widerstandsfähiger machen. “
Auch die persönliche Entwicklung junger Menschen sehen wir als wichtigen Aspekt eines Gesellschaftsjahres.
Die stellvertretende Vorsitzende Anja Mantel betont:
„Ein Gesellschaftsjahr eröffnet jungen Menschen die Möglichkeit, wertvolle Lebenserfahrungen zu sammeln, Orientierung für ihren weiteren Lebensweg zu gewinnen und soziale Verantwortung ganz konkret zu übernehmen.“
Gleichzeitig kann ein solches Modell auch einen Beitrag zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten, ohne die freie Entscheidung für den Wehrdienst aufzugeben.
Der stellvertretende Vorsitzende Ralf Sauer erklärt:
„Natürlich erhoffen wir uns durch ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr auch eine Stärkung unserer Bundeswehr und damit unserer Verteidigungsfähigkeit. Durch die freie Wahl des Einsatzbereiches bleibt die Entscheidung für den Wehrdienst jedoch so lange als möglich freiwillig.“
Darüber hinaus würde ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr erstmals eine echte Geschlechtergerechtigkeit herstellen. Während die frühere Wehrpflicht ausschließlich Männer betraf und auch die bestehenden Freiwilligendienste von Frauen deutlich häufiger wahrgenommen werden, würde ein allgemeines Gesellschaftsjahr alle jungen Menschen gleichermaßen in die Verantwortung nehmen.
Uns ist zugleich bewusst, dass ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr, gerade unter jungen Menschen, kontrovers diskutiert wird. Aktuelle Umfragen zeigen ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis von Befürwortern und Gegnern. Diese unterschiedlichen Sichtweisen nehmen wir ernst.
Dr. Michael Wolf unterstreicht:
„Die Akzeptanz eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres wird entscheidend von den Rahmenbedingungen abhängen. Es darf nicht darum gehen, bestehende Personallücken zu schließen. Vielmehr müssen junge Menschen während ihres Dienstes begleitet, gefördert und in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützt werden. Dazu gehört selbstverständlich auch eine angemessene Vergütung.“
Ebenso ist uns bewusst, dass die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres eine Änderung des Grundgesetzes und damit eine Zweidrittelmehrheit im Deutschen Bundestag voraussetzt. Solange diese politische Mehrheit nicht absehbar ist, setzen wir uns mit Nachdruck für eine deutliche Stärkung der bestehenden Freiwilligendienste ein.
Dazu gehören aus unserer Sicht insbesondere der Ausbau der Einsatzmöglichkeiten, eine bessere finanzielle Ausstattung der Freiwilligen sowie eine stärkere Anerkennung ihres Engagements im weiteren Bildungs- und Berufsweg. Gleichzeitig müssen Freiwilligendienste so weiterentwickelt werden, dass sie für junge Menschen aller Geschlechter und aller Bildungsabschlüsse gleichermaßen attraktiv werden. Gerade junge Menschen mit Hauptschulabschluss sind bislang deutlich unterrepräsentiert und verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die aktuellen Freiwilligendienste erreichen deutlich mehr Frauen als Männer.
Ein Gesellschaftsjahr verstehen wir in erster Linie nicht nur als Einschränkung persönlicher Freiheit, sondern vor allem als Ausdruck gemeinsamer Verantwortung. Wer Verantwortung für andere übernimmt, gewinnt nicht nur wertvolle Erfahrungen für das eigene Leben, sondern leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Dr. Michael Wolf
Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Würzburg
Anja Mantel
Stellvertretende Vorsitzende
Ralf Sauer
Stellvertretender Vorsitzender

