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Bericht zur Lage

Sehr geehrter Herr Bischof, liebe Mitglieder und Gäste des Diözesanrats, in meinem Bericht zur Lage möchte ich sowohl einige kirchliche als auch gesellschaftliche Ereignisse der letzten Monate ansprechen. Aus der Menge der Ereignisse, die es sicherlich wert wären, hier angesprochen zu werden, habe ich die aus meiner Sicht relevantesten ausgewählt.

Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die Ergebnisse der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) richten.

Nach dem – zumindest für mich – überraschenden Verzicht von Kardial Marx zur Kandidatur zum Vorsitzenden hat die Versammlung Bischof Georg Bätzing zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er ist seit 2018 Bischof von Limburg. Damit übernahm er von Bischof Tebartz-van-Elst die Leitung eines Bistums, dass wegen des Verhaltens seines Vorgängers – und auch dem Versagen Anderer – in den Schlagzeilen war. Ihm ist es gelungen die Lage zu klären, ohne dabei negativ aufzufallen. In der Zwischenzeit ist es still um die Belange des Bistums geworden. Offensichtlich ein Erfolg der von ihm gewählten Strategie.

Wichtig für mich ist, dass er ein Befürworter des Synodalen Wegs ist. Sein Wahlspruch „Congrega in unum“ – Führe zusammen – kann auch hier Programm sein. Vor seiner Wahl ist er als Gastgeber bereits als Verteidiger des Synodalen Wegs aufgefallen. Seine Aussage „Die Entscheidung zum Synodalen Weg war kein von langer Hand vorbereiteter 'Aufstand' liberaler Kräfte mit dem Ziel, endlich lange angemahnte Veränderungen durchzudrücken", weist auf seine Position hin.

Auch hat er sich in der Vergangenheit bereits zu strittigen Themen zu Wort gemeldet. In einem Interview sagte er: „Ich glaube, es schadet der Kirche nicht, wenn Priester frei sind, zu wählen, ob sie die Ehe leben wollen oder ehelos leben wollen“ und bekennt: „Mir ist der Zölibat viel wert. Denn so hat Jesus gelebt“. Aus meiner Sicht deutet er damit einen möglichen Kompromiss zwischen konservativen und progressiv-liberalen Kirchenmitgliedern an. Meiner Meinung nach ist die Frage nach dem Zölibat eine wichtige, aber nicht die alles Entscheidende.

Und sein Standpunkt hinsichtlich der notwendigen Diskussion über die Stellung der Frauen in der katholischen Kirche ist interessant. Er müsse als Bischof „ernst nehmen, dass der Ausschluss der Frauen von Weiheämtern als grundlegend ungerecht und unangemessen wahrgenommen wird in einer gesellschaftlichen Umgebung, die Frauen und Männer lange schon in ihren Rechten gleichstellt“. Vielleicht schafft er hier einen von – fast – allen Bischöfen getragenen Konsens, der uns gesellschaftlich und insbesondere innerkirchlich weiterbringt.

Neben der wichtigen Personalie hat sich die DBK nun zur Frage der finanziellen Komponente der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals positioniert. In Anlehnung an die von deutschen Gerichten zugesprochen Schadenersatzsummen sollen die Zahlungen erfolgen. Dabei ist diese Zahlung nicht als „befreiende Zahlung“ verstanden, sondern die Kosten für notwendige Therapie werden auch weiterhin übernommen.

Die Höhe der individuellen Zahlung wird durch ein unabhängiges Gremium getroffen; die Verantwortlichkeit bleibt bei den einzelnen Diözesen. Ebenfalls angekündigt ist eine solidarische Komponente, die dafür sorgen soll, dass finanzschwächere Diözesen in die Lage versetzt werden die Schadenersatzzahlungen zu leisten. Leider habe ich noch keine Information über die vorgesehenen Mechanismen und die Belastung der einzelnen Diözesen. Notwendig mag dies sein – im Ausland haben einige Diözesen bereits Insolvenz angemeldet.

Und was die Quelle der Finanzen angeht, so sollte sehr genau überlegt werden, welche Mittel hierfür herangezogen werden. Zum einen geht es hier sicherlich um die Anerkennung eines erlittenen Unrechts, auf der anderen Seite werden die Kirchensteuermittel für die Bewältigung der aktuellen Aufgaben der Diözese benötigt. Die Verwendung von Kirchensteuermitteln kann zu einer Beschleunigung der Kirchenaustritte führen. Hier sind gut überlegtes Handeln und eine Kommunikationsstrategie notwendig, die die getroffenen Entscheidungen transparent und bekannt macht. Vielleicht muss sich unsere oder auch andere Diözesen, falls wirklich notwendig, von der einen oder anderen Immobilie trennen, um den Verpflichtungen nachzukommen.

Auch wenn nun ein Konsens der Bischöfe in Sachen finanzieller Anerkennung gefunden wurde, kann kein Geld der Welt das Unrecht wieder gut machen. Hier ist auch weiterhin intensive Arbeit der Kirche in Deutschland gefordert.

Jetzt wäre es schön, wenn wir sagen könnten: Mit der Entscheidung zur finanziellen Entschädigung ist der Fall „Missbrauch“ abgeschlossen und „nur noch“ die Nachwirkungen effektiv zu managen. Wie vor kurzem veröffentlicht wurde, hat unsere Diözese einen neuen Fall. Eine „unendliche Geschichte“ wie ich befürchte. Das zeigt, dass sich einiges in unserer Kirche ändern muss, um neue Fälle soweit als irgend möglich zu verhindern und gleichzeitig eine Seelsorge sicherzustellen.

Beim Synodalen Weg, der ja durch den Missbrauchsskandal ausgelöst wurde, wird der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Würzburg durch Frau Susanne Bühl vertreten, die zum Vorstand gehört und damit eine effektive Rückbindung ermöglicht. Sie wird uns einen kurzen Bericht über die konstituierende Versammlung geben.

Lassen Sie mich meine innerkirchliche Nabelschau beenden und zu einigen wenigen relevanten zivilgesellschaftlichen Themen übergehen.

Vor kurzem wurde ein wichtiges Urteil für uns alle vom Bundesverfassungsgericht gefällt: Die „geschäftsmäßige Sterbehilfe“ ist nicht mehr strafbar.

Geschäftsmäßig war dabei nicht unbedingt als auf Gewinn ausgerichtet definiert. Vielmehr war damit die immer wiederkehrende Sterbehilfe – zum Beispiel durch Vereine – verboten, die lebensbeendende Medikamente zur Verfügung stellen.

Dieses Urteil mag im Zusammenhang mit den geltenden Gesetzen sicherlich richtig sein, ich habe hier Vertrauen in das Verfassungsgericht, das die aktuellen Gesetze und deren Interpretation überprüft. Aber ich glaube, dass nun der Gesetzgeber wieder gefordert ist. Neben der Tatsache, dass ein solches Verbot im Rahmen des geltenden normativen Gesetzkatalogs in der vorliegenden Form nicht möglich sein mag, ist doch der Schutz des Lebens die vornehmste Aufgabe des Staates und wir als Kirche dürfen nicht aufhören diesen Schutz auch einzufordern.

Wenn wir akzeptieren, dass Sterbehilfe über das Beenden lebensverlängernder Maßnahmen hinaus möglich ist, wollen wir ebenso akzeptieren, dass damit Geld verdient wird? Aus meiner Sicht ist dies unmoralisch.

Wenn wir heute den Suizid vereinfachen, dann muss sich unweigerlich die Frage aufdrängen: Ist der Wunsch zu sterben nachhaltig? Wer entscheidet darüber? Mein Leben wurde mir geschenkt, darf ich es so einfach wieder aus der Hand geben? Kann es sein, dass in Zukunft auf die Schwächsten unserer Gesellschaft Druck ausgeübt wird, „freiwillig“ aus dem Leben zu scheiden um Anderen – vielleicht sogar der eigenen Familie – nicht zur Last zu fallen? Ein für mich nur schwer erträglicher Gedanke.

Und wohin der Weg führen kann Leben oder Lebensabschnitte als „unwert“ zu definieren haben wir in unserer Geschichte bitter erfahren müssen. Lassen wir es nicht dazu kommen und wehren der Anfänge.

Lassen Sie mich zu einem anderen wichtigen Thema kommen, das zwar außerhalb der Europäischen Union liegt, aber bis vor unsere Haustüren ausstrahlt.

Der Konflikt in Syrien hat sich durch den Einmarsch der türkischen Truppen wieder deutlich verschärft. Die Kämpfe um Idlib haben zu erneuten Flüchtlingsströmen geführt.

Die Türkei fordert nun Solidarität und Unterstützung für ein militärisches Vorgehen, dass die Europäische Union zu Recht kritisiert. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurden die Grenzen zur EU auf türkischer Seite geöffnet und verlautbart, dass die EU Grenze nun offen sei. Diese wird allerdings von der EU geschlossen gehalten. Dies führt zu unhaltbaren Situationen – wie am 07.03.2020 in den Nachrichten zu hören war, setzt die Türkei Tränengas ein, um die Flüchtlinge über die Grenze nach Griechenland zu treiben während Griechenland mit gleichen Maßnahmen die Flüchtlinge daran zu hindern versucht. Das erste Todesopfer ist bereits zu beklagen.

Die Flüchtlinge, die vor dem Krieg im eigenen Land Schutz suchen, sind – verzeihen sie die drastische Begrifflichkeit – zwischen den Fronten eingeschlossen.

Eine politische Lösung des kriegerischen Konflikts in Syrien muss gefunden und die Fluchtgründe beseitigt werden. Den Flüchtlingen muss ein menschenwürdiges Leben, eine gesicherte Existenz und Hoffnung gegeben werden. Ohne Hoffnung im eigenen Land einen Neuanfang ohne Gefahr für Leib, Leben und Gesundheit wagen zu können wird der Flüchtlingsstrom nicht abreißen. Und wenn die Europäische Union und Deutschland dafür finanzielle, personelle und Sachmittel zur Verfügung stellen muss, dann soll es so sein. Wir können, ja dürfen die Zustände nicht ignorieren. Dies verbietet uns alleine schon unser Glaube. Schauen wir auf Matthäus 25, 31-40 das in der Aussage gipfelt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.

Aber insbesondere an uns selbst muss die Frage gerichtet werden: Wie gehen wir mit Flüchtlingen um? Ich habe das Gefühl, dass wir aus der Geschichte nicht ausreichend gelernt haben – sowohl als zivile als auch als politische Gesellschaft.

Ausgelöst durch den 2. Weltkrieg waren 14 Millionen Deutsche zwischen 1944 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Schon damals wurde den Vertriebenen oftmals ablehnend begegnet. 2015/2016 kamen 890.000 Schutzsuchende nach Deutschland, ein Bruchteil dessen, was unser Land in der Vergangenheit bewältigt hat und bei 80.000.000 Einwohnern doch kein so großer Prozentsatz. Und wir haben es geschafft, vielleicht nicht immer optimal aber im Großen und Ganzen doch wohl zufriedenstellend, diese Flüchtlinge aufzunehmen.

Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft sich einer anderen Tatsache stellen muss: Deutschland ist zum Einwanderungsland geworden. Ich muss mich nur bei meinem Arbeitgeber umschauen. Wir beschäftigen Mitarbeiter aus aller Herren Länder. Deutschland profitiert vom internationalen Waren- und Dienstleistungsaustausch wie wenige andere Länder der Welt, will aber oftmals die Konsequenzen nicht tragen.

Vor den nicht komplexen Abhängigkeiten kann man sicherlich die Augen verschließen und von einem „Deutschland der Deutschen“ träumen. Wobei ich nicht weiß, ob das nicht ein Albtraum ist. Schon seit einiger Zeit machen sich rechtsnationale Tendenzen auf der gesamten Welt bemerkbar. Die plurale Gesellschaft ist schwierig zu leben, das Konzentrieren auf das „Volk“ erscheint dabei als einfache Lösung. Leider geht diese Entwicklung nicht an uns vorbei; auch hier hat sich eine Partei etabliert, die zumindest in Teilen eine extreme Gesinnung aufweist. Es erstaunt mich immer wieder: Im September 2019 hat das Verwaltungsgericht Meiningen in einem Eilverfahren entschieden, dass der thüringische AfD-Chef Björn Höcke als Faschist bezeichnet werden darf. Und was ist passiert? Nicht einmal die Partei selbst distanziert sich in glaubwürdiger Weise. Eine Konsequenz ist, dass der Verfassungsschutz den „Flügel“ der AfD nun als Beobachtungsfall aufgrund „erwiesener extremistischer Bestrebung" (Thomas HaldenwangI) eingestuft hat.

Vor kurzem berichtete die Presse über antisemitische und islamfeindliche Äußerungen im Kommunalwahlkampf in Würzburg. Burkhard Hose hat einige Kandidaten zur Rede gestellt und interessanterweise war deren Aussage, dass sie ihre Aussagen für wahr halten. Für mich stellt sich da die Frage: Glauben sie das wirklich? Glauben sie wirklich, dass die komplexe heutige Welt von einzelnen nicht-christlichen Personen oder Familien „kontrolliert“ wird? Oder ist das nur eine einfache Botschaft, um im Wahlkampf so viele Stimmen wie möglich zu sammeln?

Lassen Sie sich versichert sein: komplexe Systeme wie sie unsere Welt heute darstellt, neigen sicherlich nicht zu einfachen Lösungen. Die letzte „einfache Lösung“ eines komplexen Problems war auf 1000 Jahre ausgelegt und hat gerade mal 12 Jahre gehalten.

Mit rassistischen Aussagen über unsere Mitbürger wird das Zusammenleben nachhaltig erschwert. Tatsächlich entsteht dadurch eine Atmosphäre in der Katastrophen einfach geschehen können, weil Korrektive fehlen. Ich möchte an dieser Stelle nur an den Anschlag in Hanau mit zehn Opfern erinnern. Waren bislang die Anschläge mehr oder weniger weit von uns entfernt, so sind sie nun vor unserer Haustüre angekommen. Von meinem Wohnort bis Hanau Innenstadt sind es gerade mal 20 Minuten mit dem Auto. Aber Halle und Hanau können überall sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich ein Umfeld ergibt, das solche Handlungen ermöglicht und wenn sie geschehen sind, nach einigen wenigen Tagen wieder in Vergessenheit geraten.

Es ist notwendig, dass wir uns für das friedliche Zusammenleben mit unseren Mitbürgern einsetzen. Dies geschieht bereits an vielen Stellen, kann und muss aber noch verstärkt werden. Auch wir im Diözesanrat werden dieses Zusammenleben näher ins Auge fassen und als ein wesentliches Thema auch in Zukunft bearbeiten. Aber es ist sicherlich nicht nur eine kirchliche Angelegenheit.

Morgen sind Kommunalwahlen. Ich bitte Sie, Ihr Wahlrecht auszuüben und Ihre Stimme für eine tolerante und offene Gesellschaft abzugeben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Michael Wolf,
Vorsitzender

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